Anna Iduna Zehnder Bestand

Der Anna Iduna Zehnder Bestand umfasst 153 Werke aus den Jahren 1917 bis 1950, in denen der Übergang vom pointillistischen Stil der Studienzeit bis zu der immer stärker mystischexpressionistischen Ausdrucksform der Reifezeit zu beobachten ist. Der Bestand wird bereichert durch eine beträchtliche Anzahl an Zeichnungen und Skizzenbüchern, sowie an Fotografien, Briefen und Dokumenten, die von den Beziehungen zeugen, welche die Künstlerin im Laufe ihres Lebens mit wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit hatte.

Der Anna Iduna Zehnder Bestand, den das Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona 2014 angekauft hat, umfasst 153 Werke der Aargauer Künstlerin etwa aus den Jahren 1917 bis 1950, in denen der Übergang vom pointillistischen Stil ihrer Studienzeit bis zu der immer stärker mystischexpressionistischen Ausdrucksform der Reifezeit zu beobachten ist. Der Bestand wird bereichert durch eine beträchtliche Anzahl an Dokumenten (Briefe, Kataloge, Bücher). Sie werden Gegenstand zukünftiger Studien über die Künstlerin sein, die sich in Ascona der Kunst und ihrer ärztlichen Tätigkeit widmete und sich dabei besonders mit der Anthroposophie von Rudolf Steiner beschäftigte.

Der Ankauf dieses Bestands entspricht den kulturellen Leitlinien des Städtischen Museums für moderne Kunst in Ascona, das sich für die Erhaltung, Erforschung und Aufwertung des kulturellen Erbes einsetzt, denn dieses ist Hüter des gemeinsamen Gedächtnisses einer Region, das mitgeteilt, gefördert und verbreitet werden sollte. Ein Ort der Weiterentwicklung also: In diesem Kontext ist der bedeutende Erwerb dieses Bestands zu betrachten, der reich an Werken und Dokumenten in Verbindung mit einer Künstlerin ist, die seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur kulturellen Entwicklung des Stadtkerns von Ascona beigetragen hat – als Wissenschaftlerin ebenso wie als Künstlerin.

Anna Iduna Zehnder, geboren in Birmensdorf im Kanton Aargau, verliert mit erst 5 Jahren beide Eltern, die an Tuberkulose sterben. Mit ihren Geschwistern wächst sie zunächst bei den Großeltern auf, ab 1889 in Aarau bei ihrem Großonkel Gottlieb Zehnder. Diese tragische Familiensituation prägt ihren Berufsweg wesentlich und bringt sie dazu, 1904 in Zürich ein Medizinstudium zu beginnen, das sie allerdings bald unterbrechen muss, weil auch sie an Tuberkulose erkrankt. Ab 1907, bei ihrem Krankenhausaufenthalt in Davos und Clavadel, beginnt sie zu zeichnen und zu malen. 1911 kann sie das Studium wieder aufnehmen und drei Jahre später mit dem Doktor der Medizin an der Universität Basel abschließen. In diesen Jahren entwickelt Zehnder den starken Wunsch, sich der Malerei zu widmen, aber beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges bringt ihr Verantwortungsbewusstsein sie dazu, als Assistenzärztin erst in einem Sanatorium in Ägeri (Zug) und dann in der Chirurgie des Krankenhauses in Zug zu arbeiten.

Anfang 1917 hält sich Anna Iduna Zehnder mit Emmy Thurnheer, ihrer Freundin und Lebensgefährtin, in Locarno-Monti auf, wo sie sich der Malerei hingeben kann. In Ascona entdeckt sie die Kunst des rumänischen Malers Arthur Segal (1875-1944), der sich schon 1914 dort niedergelassen und sein Haus „all’Angolo“ in eine Kunstschule, aber auch eine Begegnungs- und Zufluchtsstätte für Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten verwandelt hatte. Segal erkennt ihr Talent und nimmt sie als Schülerin auf. Im November 1917 zieht Zehnder also nach Ascona, wo sie im „Chalet Mendota“ wohnt. Seitdem wechselt sie zwischen der ärztlichen Arbeit in der deutschen Schweiz und Studienaufenthalten in Ascona. Ihre künstlerische Ausbildung in der Kunstschule von Arthur Segal beginnt mit der französischen Technik des Pointillismus; dank der pädagogischen Einstellung von Segal, der sich auf die sokratische Mäeutik beruft, lernt sie aber vor allem, sich von allem zu lösen, was sie vorher erlernt hat, und erkennt, dass sie nur mit dem Blick auf ihre eigene Persönlichkeit, auf ihre tiefsten Wünsche ihren Weg finden würde, um sich in der Welt der Kunst zu verwirklichen.

Über ihren Lehrer und die anderen Schüler – von Ernst Frick bis zu Arthur Bryks – kommt Zehnder in Kontakt mit der Künstlerszene in Ascona und kann bereits im folgenden Jahr, 1919, an der Ausstellung „Asconeser Künstler“ im Kunstsalon Wolfsberg in Zürich teilnehmen. Außerdem hat Zehnder am 25. März 1919 Gelegenheit, das Atelier von Marianne Werefkin zu besuchen, deren Persönlichkeit sie beeindruckt: „Sie hat etwas Vernarbtes an sich, Narben der Tapferkeit, etwas Ungebändigtes, das Ungebändigte eines Flusses, der aus einer gesunden und tiefliegenden Quelle gespeist wird“, schreibt sie darüber in ihrem Tagebuch.

Im August 1919 entdeckt Zehnder über Anta Zavistovska, eine ihrer russischen Patientinnen, die in Ascona ansässig ist, die Anthroposophie. In den folgenden Monaten beschäftigt sie sich zusammen mit ihrer Freundin mit der Lektüre und Analyse der Texte von Rudolf Steiner, in denen sie jene Quelle der Kenntnis und Entwicklung findet, die sie auf beruflicher wie auch auf persönlicher und künstlerischer Ebene seit langem suchte. Im April 1920 zieht Zehnder in das Haus „Cappella nera“ um, wo sie sich neben der ärztlichen Tätigkeit weiter mit Anthroposophie beschäftigt; hier zieht auch Anta Zavistovska ein, die auch ihre Mitarbeiterin wird. In dieser Zeit schließt Zehnder Freundschaft mit Paul Wickart, einem jungen Medizinstudenten, den sie im Sanatorium in Ägeri kennen gelernt hatte; er wird ihr Patient und ist ab 1920 mehrfach bei ihr in Ascona zu Gast. Mehrere Jahre lang führen Zehnder und Wickart, der sich ebenfalls für Malerei begeistert, einen intensiven Dialog über Kunst, Philosophie und auch über Anthroposophie, in die Zehnder selbst Wickart einführt. Sie behandelt ihn nach ihren Leitlinien, kann aber seinen frühen Tod am 14. August 1929 nicht verhindern.

1922 gehört Anna Iduna Zehnder zusammen mit Paul Wickart und Anta Zavistovska zu den Künstlern, die der Stadt Ascona ein Werk für die Gründung des Städtischen Museums schenken, um so die Arbeit aller in Ascona ansässigen Künstler zur Geltung zu bringen. Diese chorale Initiative ist Ausdruck einer Solidarität, die aus der täglichen Auseinandersetzung und dem Zusammenleben in der Stadt entsteht, denn hier hat sich jene außerordentliche künstlerische Gemeinschaft entwickelt, zu der ganz eindeutig auch Anna Iduna Zehnder gehört.

1922 zieht Zehnder in die „Villa Artemide“ in Ascona um, wo sie ihr eigenes Atelier sowie eine feste Arztpraxis einrichtet: Sie wird offiziell zur „Dottoressa“ der Stadt, als der vorherige Arzt erkrankt, und erhält die formelle Berufszulassung vom Kanton Tessin, als Ärztin und Chirurgin zu praktizieren. Aufgrund einer Krankheit ihrer Lebensgefährtin Emmy Thurnheer begeben sich die beiden Frauen 1923 in die Klinik von Dr. Rudolf Steiner in Arlesheim: Der therapeutische Ansatz von Steiner beeindruckt Zehnder stark, und sie beschließt, die anthroposophischen Studien zu vertiefen. So setzt sie einerseits ihre Ausbildung fort, nimmt regelmäßig an Studientagen in Dornach teil und wird Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, und arbeitet andererseits immer mehr mit den Patienten, wobei sie in ihrer Behandlung die traditionelle Medizin und anthroposophische Praktiken vereint, die weniger auf den Körper als vielmehr auf das Unbewusste abzielen und in denen Medizin, Eurythmie, Sprachgestaltung sowie Musik und malerische Kunst zusammenfließen.

Dieser Wechsel zwischen der medizinischen Tätigkeit in Ascona und den Studienaufenthalten in Dornach prägen die folgenden 20 Jahre im Leben von Anna Iduna Zehnder, und zwar mindestens bis 1945, als das fortschreitende Alter und ihr schwankender Gesundheitszustand sie zwingen, die Arbeit stark einzuschränken und schließlich die Praxis zu schließen. Mit dem Tod von Anna Iduna Zehnder am 8. März 1955 im Alter von 78 Jahren vollendet sich dieses für eine Frau ihrer Zeit außergewöhnliche Leben.

A.I. Zehnder | Im Garten | 1917 | Öl auf Karton | 31 x 48 cm | FAIZ 0-0-1

A.I. Zehnder | Interieur | o.J. | Öl auf Leinwand | 64 x 50 cm | FAIZ 0-0-2

A.I. Zehnder | Porträt | o.J. | Öl auf Karton | 43.5 x 28.5 cm | FAIZ 0-0-8

A.I. Zehnder | Der Traum | o.J. | Öl auf Leinwand | 37.5 x 50 cm | FAIZ 0-0-32