Museo Comunale d'Arte Moderna

27. Oktober - 30. Dezember 2015

Amos Nattini und die bebilderte Göttliche Komödie zwischen den beiden Kriegen
Kunst, Architektur und Literatur im Dialog

Die Saison im Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona wird mit einer Ausstellung beendet, die zum 750. Geburtstag von Dante Alighieri und zum ersten Mal im Tessin die Göttliche Komödie in der bekannten Monumentalausgabe vorstellt, die zwischen 1931 und 1941 herausgegeben wurde: Es handelt sich um eine der gefeiertsten Ausgaben des vergangenen Jahrhunderts mit den Illustrationen des Künstlers Amos Nattini (Genua 1892-Parma 1985) . Die drei Bände dieser kostbaren, seltenen Edition der Divina Commedia befinden sich im Eigentum der Familie Pancaldi in Ascona, die sie für die öffentliche Ausstellung zur Verfügung gestellt hat.

Die Ausstellung von den Kuratorinnen Mara Folini, Carla Mazzarelli und Irina Emelianova wird in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für italienische Studien der Universität der Italienischen Schweiz in Lugano und der Akademie für Architektur in Mendrisio realisiert. Sie rekonstruiert die Entstehung, das kulturelle Umfeld und den historischen Kontext des Editionsprojektes, an dem mehrere bedeutende Persönlichkeiten aus dem damaligen italienischen Kulturleben wie Gabriele D’Annunzio und Ugo Ojetti beteiligt waren. Am Anfang steht die Wiederentdeckung des Dichters Dante als Bürger, Verbannter und Prophet Italiens zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die den eigentlichen Dante-Kult in der Zeit des Risorgimento einleitete – er galt nun als Symbolfigur einer neuen nationalen und bürgerlichen Aufgabe. Zu diesem Aspekt werden bedeutende Werke ausgestellt, darunter die berühmte Büste des großen Dichters von Vincenzo Vela.

In jenem Klima des Dante-Revivals im gebildeten künstlerischen Ambiente, das sich vom Realismus des späten 19. Jahrhunderts nach und nach zur symbolistischen Ästhetik europäischer Prägung orientiert, entwickelte sich der junge Maler Amos Nattini auf seinem Werdegang zwischen Genua, Parma und Paris. Anhand der Jugendwerke von Nattini im Vergleich zu den Werken gleichaltriger Künstler, mit denen er in Kontakt kam (wie Sartorio und Marussig, Autor der schönen Bühnenbilder zu La Nave von D’Annunzio), sowie zu anderen kostbaren Ausgaben der Göttlichen Komödie (wie der, die Vittorio Alinari 1900 mit Illustrationen von Cambellotti, De Carolis u. a. veröffentlichte) lassen sich die verschiedenen Seelen jener anregungsreichen Welt rekonstruieren, die einen erlesenen, engen Dialog zwischen visuellen Künsten, Musik, Theater und Literatur hervorrief, an dem zahlreiche Künstler der Zeit beteiligt waren.

Die Unterstützung von Gabriele D’Annunzio und vor allem der Zusammenschluss mit dem Journalisten Francesco M. Zandrino , der ebenfalls aus Genua stammte, ermöglichten es Nattini, an eine Neuausgabe der Göttlichen Komödie zu denken. Seit 1912 arbeitete er über 20 Jahre lang daran und schuf eine enorme Zahl an Zeichnungen, von denen ein beträchtlicher Kernbestand dank der großzügigen Leihgabe eines privaten Sammlers zu diesem Anlass ausgestellt wird. So kann man die Arbeitsmethode des Künstlers im Laufe der Jahre nachvollziehen und gleichzeitig erkennen, wie die Ausgabe nach und nach Gestalt annahm und zum wahren Buch-Denkmal der Divina Commedia wurde – dies zeigen nicht nur der Umfang und die Erlesenheit der Tafeln und Bände, sondern auch die monumentalen Pulte, die eigens dafür von berühmten Designern wie Gio Ponti angefertigt wurden.

Auf der anderen Seite gelangt die Idee zu einem Denkmal für die Göttliche Komödie, schon ein „Traum“ des Risorgimento, gerade in jenen Jahren, die zu den schwierigsten und kontroversesten der italienischen Geschichte gehören, wieder zu Ruhm. Dies bezeugen der unveröffentlichte Entwurf des Bühnenbildners Mario Zampini für Dantes Visionen anlässlich der Aufstellung eines Denkmals für die Göttliche Komödie in Rom, aber auch die Originaltafeln des bekannten Entwurfs für das Danteum von Pietro Lingeri und Giuseppe Terragni, die zum ersten Mal im Tessin zu sehen sind – das Gebäude, ein Meisterwerk der rationalistischen Architektur, sollte im direkten Auftrag von Benito Mussolini auf der Via dei Fori Imperiali in Rom errichtet werden.

So nimmt die Ausstellung mit Nattinis Tafeln die Besucher einerseits mit auf eine Reise durch Dantes Göttliche Komödie, neu interpretiert vom Künstler mit einer Vorstellungswelt, die sich auf die großen Meister der Vergangenheit, aber auch auf Symbolismus und Pointillismus bezieht; sie will aber auch eine andere Reise darstellen: den Weg jener historischen Zeit, in der diese Projekte sich entwickelten, denn sie bekamen auch die instrumentalisierte Manipulation durch Faschismus und Nationalsozialismus zu spüren. Diese Instrumentalisierung war für einen Künstler wie Nattini, der an andere Ideale geglaubt hatte, plötzlich schwer zu akzeptieren. Und die Tragödie des Krieges schien zwar jede Möglichkeit zu verschließen, „Poesie“ zu feiern und sichtbar zu machen, doch ist der Band Il Paradiso, den Nattini allein und nach Kriegsbeginn erarbeitete, ein Zeugnis für sein – den Zeiten zum Trotz – unerschütterliches Vertrauen in die Möglichkeit des Menschen, auf jedes Grauen mit Kunst reagieren zu können.

Die Gestaltung gehört wesentlich zu dem innovativen Projekt dieser Ausstellung, das auch einen neuen Dialog zwischen Forschung und wissenschaftlicher Popularisierung aufbauen und dabei die Umgebung valorisieren will: die originellen „Ausstellungs-Maschinen“ in den sechs Sälen sowie eine Installation im Innenhof des Museums, die von 13 Studenten der Akademie für Architektur in Koordination durch das Büro Riccardo Blumer und die Kuratorinnen konzipiert und umgesetzt wurden, vermögen die Künste in einen Dialog zu versetzen und eine Idee von schwebender Leichtigkeit zu vermitteln. Der Rundgang bietet die Chance, Dante Alighieri und seine Reise durch die Vorstellungswelt, durch Ängste und Grenzen der menschlichen Seele erleben und nachvollziehen zu können.

Vernissage

Sonntag, den 25. Oktober, um 11.00 Uhr

Plakat

Sitz

Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona

In Zusammenarbeit mit

Accademia di architettura - Università della Svizzera italiana

Istituto di studi italiani, Facoltà di scienze della comunicazione - Università della Svizzera italiana

Unter der Schirmherrschaft von

Mit der Unterstützung von

Mit dem Beitrag von

Fondazione Rolf Gérard, Ascona

Medien

  • Klicken Sie hier, um die Präsentation der Ausstellung in der Radiosendung "Geronimo" von Rete 2 zu hören, die am 26. November 2015 ausgestrahlt wurde.

Werke

Amos Nattini | Inferno, Gesang III | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Inferno, Gesang XV | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Inferno, Gesang XVIII | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Purgatorio, Gesang XI | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Purgatorio, Gesang XIX | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Purgatorio, Gesang XXIX | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Paradiso, Gesang VIII | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Paradiso, Gesang XVIII | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Amos Nattini | Paradiso, Gesang XXIX | Tafel aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie", 1931-1941 | Farblithographie auf Papier

Veranstaltungen

Lectura Dantis - Die Charaktere der "Komödie"
Purgatorio XI («e ora ha Giotto il grido») - Giotto, Daniela Mondini
Collegio Papio, Ascona

Mittwoch, den 21. Oktober 2015, von 18.00 bis 19.30 Uhr, Collegio Papio, Ascona

Lectura Dantis - Die Charaktere der "Komödie"
Purgatorio XXII («per te poeta fui, per te cristiano») - Stazio, Antonella Anedda
Biblioteca cantonale, Locarno

Mittwoch, den 18. November 2015, von 18.00 bis 19.30 Uhr, Biblioteca cantonale, Locarno

Dante’s Inferno Concert: Ulisse consigliere fraudolento (Theater und Musik)
Associazione Per Antiche Contrade (Valle Imagna)
Sala dei Congressi, Muralto

Freitag, den 20. November 2015, um 17.00 Uhr, Sala dei Congressi, Muralto

Lectura Dantis - Die Charaktere der "Komödie"
Purgatorio XXVI («il miglior fabbro del parlar materno») - Arnaut Daniel, Mira Mocan
Liceo Cantonale, Locarno

Mittwoch, den 25. November 2015, von 18.00 bis 19.30 Uhr, Liceo Cantonale, Locarno